Founded in the critical spirit of the 1968 movements, archplus (Berlin) is a quarterly that focuses on the dissolving boundaries among architecture (arch), city, culture, and media (plus). Each issue of archplus is monothematic, confronting architectural debates and projects with social and cultural discourses, politics, economy, philosophy, and art in order to conceptualize new perspectives for architecture and urbanism. As a small, independent publisher, archplus cooperates with other institutions and participates in a wide range of activities in order to work on broader themes.
Founded: 1968 Frequency: vierteljährlich, quarterly Editors: Nikolaus Kuhnert, Sabine Kraft, Martin Luce, Julia von Mende, Anh-Linh Ngo
www.archplus.net
Die “Architektur” ist in der Krise. Symptomatisch für diesen Zustand sind zwei Symposien über die Disziplinarität der Architektur, die innerhalb des letzten halben Jahres an renommierten Hochschulen stattfanden und die unterschiedlicher nicht hätten ausfallen können: Während im April auf der “Loopholes Conference” der Graduate School of Design in Harvard über das Verhältnis von Theorie und Praxis und über den Fortbestand der “kritischen Architektur” gestritten wurde, widmete sich das Symposium “Einsichten Ansichten Aussichten” im November anläßlich des 150. Jubiläums der ETH Zürich im KKL Luzern Themen der zukünftigen Architekturausbildung. Hier ging es um die Kernkompetenz des Entwerfens und die Bürotauglichkeit der Absolventen, um politisch korrekte Nachhaltigkeit, technische Innovation und unaufhaltsame Beschleunigung der Bau- und Planungsprozesse, und nicht zuletzt um die Verantwortung der Architekten gegenüber dem historischen Erbe der europäischen Stadt; there um nicht weniger als die Frage, ob Architektur noch unter die intellektuellen Praktiken zu rechnen sei oder nicht.
Ole W. Fischer
Allem
Gerede von Globalisierung und amerikanischer Kulturdominanz
zum Trotz scheinen beide Positionsbestimmungen auf den ersten Blick
vollkommen voneinander isoliert zu sein – und doch, es handelt sich
um Versuche einer Neubestimmung der gesellschaftlichen Relevanz der
Architektur nach dem Ende linguistischer Leitbilder. Was sich in der
“Neuen Schweizer Architektur” als formales Ringen um
räumlich-materielle Präsenz, objekthafte Autonomie und
atmosphärische Authentizität äußert, findet in
der amerikanischen Theoriedebatte unter dem Schlagwort der
Post-Criticality erstaunliche Parallelen. Und: Beide Diskurse
versuchen ihre Lehren aus dem Erfolg der konzeptionellen Architektur
der Weltfirmen Herzog & de Meuron und OMA/AMO zu ziehen, jeder
auf seine Weise: entweder als gestalterisches und organisatorisches
Vorbild oder als theoretisches Konstrukt. Es gibt noch eine weitere
Gemeinsamkeit: Die neuen Rollenbilder des Architekten stammen aus dem
Bereich des Consulting, orientieren sich am interdisziplinäreren
Ideenlabor der think tanks oder direkt an der Kultur- und
Medienindustrie. Politische, philosophische und künstlerische
Bezüge treten zugunsten instrumentaler und operativer
Argumentationsmuster in den Hintergrund.
Szene
1: Die Theorie ist tot – das Ende der “kritischen Architektur”
Was
in Mitteleuropa vielleicht nur als eine stilistische Ablösung
des
Dekonstruktivismus und der computergenerierten “Blob-Architektur”
anmuten mag, kommt im amerikanischen Diskurs einer In-Frage-Stellung
der Architekturtheorie der letzten drei Jahrzehnte gleich,
dementsprechend heftig sind die Reaktionen. Nach den
Lockerungsübungen eines theoretischen Pragmatismus im Zuge von
IT Euphorie und Neuem Markt (siehe 156 archplus) wurde die jetzige
Debatte um das Ende der “kritischen Architektur” durch einen
gemeinsamen Essay von Robert Somol und Sarah Whiting angestoßen,
der 2002 in Perspecta
33erschienen
ist,1 und
seitdem für eine Reihe polemischer Stellungnahmen gesorgt hat,
die bis zur Prophetie vom Ende der Theorie reichen.2
In
ihrem anspielungsreichen Beitrag entwickeln Somol und Whiting das
Konzept einer “projektiven Praxis”, die sie als Gegenmodell zum
“kritischen Projekt” des bisherigen akademischen Establishments
in Stellung bringen. Das Adjektiv projectivebietet
hierbei ähnliche Assoziationen wie im Deutschen: Es bezieht sich
sowohl auf Projektion, also ein bildgebendes Verfahren, und die davon
abgeleitete projektive Mathematik als auch auf Projekt, also Plan,
Entwurf oder Vorhaben für die Zukunft. In der
Darstellungstechnik der Parallelprojektion zur Erzeugung von
Grundriß, Ansicht und Schnitt als den wichtigsten Werkzeugen
der Architekturnotation kommt es zu einer Überlagerung beider
Bedeutungen. Die beiden Autoren versuchen mittels einer Matrix
oppositioneller Begriffspaare ihre neue Theorie gegenüber der
alten herauszuarbeiten: Sie stellen Diagramm gegen Index, Projektion
gegen Dialektik, Pragmatik gegen Widerstand und Negation, Performance
gegen Repräsentation (des Abwesenden), hot
gegen
cool.
Szene
2: Kurzer Rückblick, oder: Was bisher geschah
Der
neue Ansatz nennt sich Post-critical,
definiert sich also streng
evolutionshistorisch als Nachfolger und Gegensatz der “kritischen”
Architektur. Namentlich sind die “kritische Theorie” von K.
Michael Hays und die “kritische Praxis” von Peter Eisenman
angesprochen, die Anfang der 1980er Jahre die Disziplin der
Architektur in Distanz zur Gesellschaft und als Widerstand gegen die
Banalität der Konsumkultur auf Basis eines philosophischen
Diskurses neu gründen wollten. Auch sie begriffen sich als eine
Gegenthese zum herrschenden Paradigma der semiotischen Postmoderne
und Populärkultur. Der Begriff Criticalitybezieht
sich auf einen Aufsatz aus dem Jahre 1984, in dem Hays versucht, der
Architektur einen Ausweg zwischen Systemverweigerung und Ausverkauf
als Ware zu bahnen.3
Hays
Interpretation zufolge kann man die Bauten und Entwürfe Mies van
der Rohes exemplarisch für ein “kritisches Projekt” der
Architektur lesen, da sie einen Ausnahmezustand zwischen kulturellem
Produkt und autonomer Disziplinarität, zwischen affirmativer
Signifikation, reduktionistischer Verdinglichung und Indienstnahme
durch die herrschenden Mächte von Markt und Politik einerseits
und den abstrakten formalen Spielereien einer auf sich selbst
beschränkten Architektur andererseits einnehmen. In seiner
dialektischen Argumentation für eine Autonomie der Disziplin
gegenüber den sie erzeugenden gesellschaftlichen Umständen
bezieht sich Hays auf neomarxistische Ansätze wie die “kritische
Theorie” der Frankfurter Schule um Horkheimer, Adorno und Benjamin,
auf die er durch Vermittlung von Fredric Jameson und Manfredo Tafuri
gestoßen war.4
In
ähnlicher Weise, wie Hays “Schweigen” und “Entsagung” in
der Architektur Mies van der Rohes erkennt und als Kommentar zu den
Produktionsverhältnissen auslegt,5
interpretiert
Eisenman das Maison
Dominovon
Le Corbusier als ein selbstreferentielles Zeichen, das sich über
die Bedingungen von Funktion, Bedeutung und Geometrie hinwegsetzt,
und durch diesen Akt erst zu Architektur wird.6
Dabei
beruft sich Eisenman zwar auf die formale analytische Methodik seines
Lehrers Colin Rowe, bricht aber gleichzeitig mit dessen Vorstellung
von der Klassischen Moderne als Fortschreibung der humanistischen
Architekturtradition. Die Architektur repräsentiere nicht mehr
das Verhältnis von Mensch und Welt, sondern konstituiere sich
durch eine bewußte Artikulation und Manipulation der ihr
eigenen Elemente, eine Architektur über Architektur. Somol und
Whiting argumentieren in ihrem Beitrag, daß der einstmals von
Hays und Eisenman als Ausnahme formulierte Zustand der “Criticality”,
der gegen herrschende Diskurse und Interpretationsmuster gerichtet
war, sich selbst zu einem dominanten Paradigma entwickelt habe. Sie
glauben, daß die Gleichsetzung der Architektur mit Autonomie
und Widerstand die Möglichkeiten der Praxis beschränke und
gefährde und es in der Theorie deshalb eines alternativen
Ansatzes bedürfe, der neue Themenfelder erschließen kann.
Szene
3: Von der Gestaltung der Form zur Programmierung von
Verhaltensweisen
Auffällig
ist die oppositionelle Argumentationsweise im Essay von
Somol und Whiting, die quasi die “kritische Theorie” mit ihren
eigenen dialektischen Waffen zu schlagen versuchen, oder, um es mit
dem Vokabular der Debatte zu umschreiben, die Grundannahmen von Hays
und Eisenman diskursiv offenlegen und de-konstruieren. In ihrem Text
beschreiben Somol und Whiting das “Projekt der Criticality” mit
der Technik des Index, der über den Kausalzusammenhang zwischen
Zeichen und Bedeutung verweist (Rauch – Feuer). Weil das
indexikalische Zeichen im Gegensatz zu Symbol und Ikone nur auf der
Logik von Ursache und Wirkung beruht, scheint es frei von kulturellen
oder visuellen Konventionen zu sein und kommt so als ein kritisches
Instrument in Betracht. Übertragen auf die Architektur verweist
der Index als eine materielle Spur auf den Prozeß der
Entstehung, entweder auf das Produktionssystem im Sinne von Hays oder
auf die Formfindung und Transformation im Sinne von Eisenman, – in
beiden Fällen aber auf etwas Abwesendes. Die Orientierung auf
die vorangegangenen Prozesse und die konstituierenden Faktoren
enthält ein regressives Momentum des ständigen
Hinterfragens, Zurückschreitens und Wiederholens. Das
architektonische Objekt wird auf die Repräsentation eines
Abwesenden und gleichzeitig auf die Kommentierung dieses Zustandes
fixiert, auf einen Zwischenzustand der Verunsicherung, der den
Betrachter zu aufmerksamer Lektüre, gewissenhafter
Interpretation und bewußter Entscheidung oder Stellungnahme
zwingen soll – der kritische Zustand par excellence.
In
letzter Konsequenz treibt Eisenman durch die Inanspruchnahme der
linguistischen Theorien (oder vielmehr Lesepraktiken) von de Saussure
und Derrida eine Vorstellung von der Architektur als einem rein
intertextuellen System voran, bei dem das (architektonische) Zeichen
nur auf ein (architektonisches) Zeichensystem, auf ein Ganzes
differentieller Beziehungen (Schrift) verweist, und in dem Bedeutung
nur in der Unterscheidung (Differenz) und Wiederholung (Iteration)
der Zeichen liegt. Eine so vorgestellte dekonstruktivistische Praxis
führt zum Verschwinden der Architektur aus der Architektur, oder
um es mit den Worten von Hays über den selbstreflexiven
Zirkelschluß der analytisch-kritischen Methode aus
Schreiben-Lesen-Überschreiben-Wiederlesen zu sagen: “It is not
about architecture, but the evidence that it exists.”7
Hier
setzt die Kritik von Somol und Whiting an: Zwar gestehen sie
der Criticalityihre
historische Berechtigung zu und bezeichnen sie als eine notwendige
Vorbedingung ihres eigenen Ansatzes, aber gerade damit historisieren
sie die kritische Theorie und Praxis als bereits abgeschlossen und
überwunden. Die beiden Autoren werfen Eisenman und Hays implizit
ein einseitiges Interesse an der elitären Hochkultur vor, eine
Art von akademischem Snobismus und Eurozentrismus, der zu einer
Überbewertung der rein formalen und repräsentierenden, also
auf etwas verweisenden Aspekte der Architektur geführt habe.
Statt auf die Geschichtsschreibung der Neo-Avantgarde der 1970er und
1980er, die sich mit einem neuen Instrumentarium der europäischen
Moderne zuwendet – beispielhaft kann man die Herleitung der
kritischen Architektur aus der Reflexion über die Entwürfe
Mies van der Rohes bei Hays oder die feministische Lektüre der
Bauten von Adolf Loos und Le Corbusier bei Beatriz Colomina nennen –,
berufen sich Somol und Whiting auf eine andere, alternative
Genealogie der Moderne: die Betrachtung der amerikanischen
Massenkultur und ihrer Produktwelt. In der begeisterten Analyse
Manhattans von Rem Koolhaas finden Somol und Whiting diesen
alternativen Ansatz des “New York Frame” personifiziert: in der
Interpretation des “Cartoon-Theorems” aus dem Life-Magazine
von 1909 als Vorwegnahme der Idee der territorialen Multiplikation
des Wolkenkratzers oder in der Beschreibung des Downtown
Athletic Clubals
sozialem Kondensator und Maschine multipler Lebensentwürfe8
kommt
eine Definition der Architektur bei Koolhaas zum Tragen, die neue
Formen des Zusammenlebens produziert und projiziert (im bereits
genannten doppelten Sinn des projective).
In Analogie der Begrifflichkeit der Linguistik könnte man die
zeichenhafte Postmoderne als semantisch, die formalen Untersuchungen
der Neo- Avantgarde und Dekonstruktion als syntaktisch und die auf
Kommunikationsakt und -situation gerichtete Moderne von Somol und
Whiting als pragmatisch umschreiben – doch die beiden Apologeten
der projektiven Praxis betonen gerade den Hintergrundcharakter, den
die Architektur als Leinwand des Lebens, der Ereignisse und Gefühle
einnimmt. Die projektive Architektur soll auch gar nicht “gelesen”
werden, denn eine offensichtliche semantische Zeichenhaftigkeit oder
die indexikalische Aufforderung, sich mit ihr kritisch
auseinanderzusetzen, würde ihre Wirkung schwächen. Und
Wirkung (effect) ist ein Schlüsselwort bei Somol/Whiting: Die
projektive Architektur soll eine Vielzahl alternativer Szenarios
ermöglichen, zu neuen (auch unvorhergesehenen) Verhaltensweisen
anregen, sie soll verführen, sogar anstiften – vielleicht
lassen die Autoren hier noch eine weitere Bedeutung von “Projektion”
anklingen: In der Psychoanalyse bezeichnet man damit die unbewußte
Übertragung und Zuschreibung von internen Zuständen
(Wünschen) auf andere Personen und Gegenstände. Die
Anlehnung des “projektiven Projektes” an Koolhaas’ Retroaktives
Manifestbringt
den Wechsel des Betrachtungshorizontes mit sich: vom informierten
architektonischen Objekt auf die Vorstellungs- und Lebenswelt der
Nutzer unter den Bedingungen der modernen kapitalistischen Metropole.
Das idealisierte Manhattan als exemplarisches “kollektives
Versuchslabor künstlicher Erfahrung” 9
erfordert
von Subjekt und Objekt einen kontinuierlichen Prozeß der
Transformation und Anpassung gegenüber den wirkenden Kräften,
einen Zustand “metropolitaner Plastizität”, demgegenüber
die Architektur in einem instrumentellen Verhältnis steht. Somol
und Whiting glauben, daß aus den akkumulativen Faktoren der
Massengesellschaft nicht notwendig nur Entfremdung und Verdinglichung
folgen müssen, sondern auch die Möglichkeit der Emergenz
entsteht, also dem Hervortreten übergeordneter Eigenschaften des
Systems, die sich nicht in den isolierten Elementen zeigen, und die
mehr sind, als die Summe der Faktoren. Beispielhaft nennen sie das
Konzept der Wolkenkratzer-Maschine, die als eine vertikale Projektion
eine Vielzahl möglicher Welten enthalte, ein Fenster des
Virtuellen in die reale Welt des Stadtrasters eröffne. Diesen
Einbruch der Virtualität wollen Somol und Whiting als eine
Ausweitung von Foucaults Reflexion über die Heterotopie
verstehen, weil der Wolkenkratzer eine Vielzahl unvereinbarer,
alternativer Orte und Lebenswelten innerhalb der Realität der
Stadtstruktur ermögliche. Es geht ihnen dabei weniger um die
Offenlegung verräumlichter Machtverhältnisse als um ein
Verständnis der Architektur als Programmierung spezifischer
Verhaltensweisen, was sie mit Verweis auf die Interpretation
Foucaults durch Deleuze als “diagrammatisch” bezeichnen. Wichtig
ist der Vektor in die Zukunft, das Pro-jektive,
das Deleuze dem Diagramm einschreibt, weil es für ihn nicht die
Wirklichkeit repräsentiert, sondern eine neue Realität
konstruiert.10
Erst
mit der Gegenüberstellung von Index und Diagramm kommt der
Gegensatz von Criticalityund
Projective
vollständig
zur Entfaltung, oder man kann auch sagen: mit dem Gegensatz von
Derrida und Deleuze, von Eisenman und Koolhaas,11
von
Form und Programm, von Hays und Somol/Whiting.
Szene
4: Über die Grenzen der Disziplin
Eine
weitere mögliche Fortsetzung der Reihe lautet: die Auffassung
von
der Architektur als autonom und prozessual gegenüber einer
Disziplinarität als Kraftfeld und Wirkung. Somol und Whiting
machen den Bruch in der Definition der Architektur bereits Mitte der
1970er Jahre aus und beschreiben ihn am Begriff der Struktur:
Eisenman gebe der Struktur einen narrativen Charakter, indem sie
indexikalisch auf einen Prozeß verweist, als eine Spur der
Realität; die diagrammatische Auffassung der Struktur bei
Koolhaas hingegen verwandele sie in ein produktives Werkzeug zur
Öffnung und Erzeugung des Virtuellen. Anders gesagt, Somol und
Whiting datieren die Geburtsstunde des Projectivezeitgleich
mit der der Criticalityund
heben die grundsätzliche Andersartigkeit der beiden Ansätze
hervor, deren Antagonismus bereits an der Definition der Architektur
als (akademische) Disziplin sichtbar werde: Die kritische Architektur
kann als Versuch verstanden werden, die Disziplin der Architektur
innerhalb strenger Grenzen der Autonomie zu umfassen und neu zu
gründen, angesichts des Versagens der utopischen Ziele der
Moderne, die Architektur als ein Medium des gesellschaftlichen und
kulturellen Wandels einzusetzen. Autonomie, also die Konzentration
auf die Alleinunterscheidungsmerkmale der Architektur von anderen
kulturellen Praktiken, äußert sich als Formalismus oder
Negation und ist als Vorbedingung eines kulturellen Engagements zu
lesen, das sich als kritischer Kommentar zur Architektur selbst oder
zur Gesellschaft ausdrückt. Der projektive Ansatz versteht die
Disziplinarität als eine anpassungsfähige Synthese der
multiplen Faktoren12
der
Architektur, die bereits die These der Moderne und die Antithese der
kritischen Theorie voraussetzt, und die sich von der vielfach
bemühten Interdisziplinarität durch die bestimmende Rolle
des Entwurfes unterscheidet. Während bei der autonomen
Architektur Wissen und Formen auf bereits etablierten Normen,
Prinzipien und Konventionen basieren, entwerfen die beiden Autoren
eine bewegliche, performative Disziplinarität der Architektur,
die auf Wirkung und Praxis ausgerichtet ist, und die sie in Anlehnung
an Foucaults Wissensbegriff als in ständiger Umwandlung und
diskursiver Neuausrichtung begreifen. Die Klammer der projektiven
Architektur besteht in der Kernimplizit kompetenz des Entwurfes, weil
sie die Grenze zu andern Disziplinen markiert.
Das Konzept einer projektiven Architektur beruht
auf der Vorstellung von der Disziplin als einem veränderlichen
Kraftfeld, das von Wirkung und Wechselwirkung, Austausch und Regeln
gekennzeichnet ist.13
Der
projektive Architekt ist nicht notwendigerweise auf den Bereich
Architektur beschränkt, aber als Experte im Entwurf bleibt sein
Beitrag immer architektonisch, auch und gerade dann, wenn es um
primär politische, kulturelle, soziale oder ökonomische
Themen geht. Er bringt produktiv seine Fähigkeiten, die das
Wissen über Objektqualitäten ebenso wie über
sinnlichen Qualitäten, d.h. sowohl Form, Proportion,
Komposition, Materialität etc. als auch Effekt, Stimmung,
Atmosphäre14
umfassen
sollen, zur Entwicklung alternativer Szenarios und Dispositionen ein,
anstatt sich kritisch, distanziert und rückwärtsgewandt zu
verhalten.
Szene
5: Praxis
Die
projektive Architektur ist nicht als ein theoretisches Instrument zur
“Lektüre” bestehender Bauten gedacht, sondern beansprucht,
ein produktiver Zugang zur Praxis zu sein: Aber noch scheint ein
exemplarisches Bauwerk zu fehlen.15
“Praxis”
hat im amerikanischen Kontext eine andere Bedeutung als im Deutschen:
Jede Art von architektonischer Betätigung, die vom eigentlichen
Planen und Bauen über experimentelles Entwerfen und Zeichnen,
Design und Ausstellungen bis hin zu rein künstlerischen Werken
reichen kann, erfüllt die Voraussetzungen der Praxis. Trotzdem
sind Hinweise auf architektonische Prinzipien des Projective
im
Text von Somol und Whiting spärlich: Die Diagrammatische Praxis
reagiert auf den heterogenen Nutzungsmix zeitgenössischer
Bauaufgaben durch räumlich-zeitliche Überlappung von Form
und Programm. Aber die projektive Architektur soll auch gar kein
“Stil” sein: Die Autoren lehnen neutrale Kisten, digital
organisch gemorphte Formen oder die unvermittelte Manipulation und
Iteration architektonischer Elemente (layers) ab und streben eine
Überwindung reflexhafter akademischer Methoden an, die Entwurf
einseitig auf Form, Material, Technologie oder Programm reduzieren.
Wichtiger scheint die konzeptionelle Einbeziehung der Wahrnehmung und
Vorstellungswelt des Betrachters zu sein: Die Autoren erklären
die Produktion von individuellen, mehrdeutigen und synästhetischen
Rezeptionsmöglichkeiten zum festen Bestandteil des Entwurfes.
Gegen die glatte Perfektion des Objektes und gegen linguistische
Interpretationsmuster favorisieren Somol und Whiting die
“atmosphärische Interaktion” und den “Austausch von
Information und Energie” zwischen Subjekt und Objekt. Sie berufen
sich auf das Konzept der Minimal Art, wie es Yve-Alain Bois
beispielhaft anhand der Skulpturen Richard Serras diskutiert, bei der
sich das Werk erst im Kopf des Betrachters vervollständige. Die
projektive Architektur richtet sich daher an die Empfindsamkeit
(sensibility)
des Betrachters, der das Objekt kontextualisiert und mit persönlichen
Erinnerungen an Erlebtes, an Gefühle und Stimmungen auflädt,
wofür Somol/Whiting auf den inneren Monolog aus Wahrnehmen,
Wiedererkennen und Wiederholen in Sebalds melancholischer
Reisebeschreibung rekurrieren, 16
in
der sie eine Überlagerung und Gleichzeitigkeit des Virtuellen
(Innenwelt) und Realen (Wahrnehmung) zu finden glauben. Mit Rückgriff
auf die Medientheorie Marshall McLuhans bezeichnen Somol und Whiting
die kritische Architektur als “hot” – also als ein
hochauflösendes, detailliertes Medium mit hohem
Informationsgehalt, fokussiert auf einen “Kanal”, dessen
Gerichtetheit und Deutlichkeit zu einer niedrigen Beteiligung des
Rezipienten führt – und die projektive Architektur als “cool”
– also als ein niedrigauflösendes Medium, das Information auf
mehreren “Kanälen” gemischt und unvollständig überträgt
und deswegen eine hohe Beteiligung des Rezipienten in Form einer
Konvention erfordert.17
So
verbinden sie ihr Plädoyer für eine projektive Architektur,
die umfassend die Betrachter mit einbezieht und mehrere Sinne
anspricht, mit Reflexionen zur Massentauglichkeit als Medium. Im Kern
jedoch kreist ihre Vorstellung von Praxis um den Begriff der
Performance, der doppeldeutig Wirkung und Leistung, aber auch
Darbietung, Darstellung und Schauspiel meint, und im übertragenen
Sinn eine Kunstform mit darstellerischen Elementen. Somol und Whiting
übertragen die Bemerkungen des amerikanischen
Kulturschriftstellers Dave Hickey, der die schauspielerische Präsenz
Robert Mitchums (im “hot media” des Kinos!) als “erweiterten
Realismus” beschreibt,18
auf
die Architektur: Sie stellen eine einfache, glaubhafte, entspannte
Performance
des
Projektiven gegen den schwerverständlichen, elaborierten und
angestrengten Ausdruck des Kritischen. Performanceist
eine Frage der Überzeugungskraft und Wirkung, die den Einsatz
sämtlicher Mittel rechtfertig und “Komplizenschaft” nicht
ausschließt. Eine projektive Praxis benutzt bewußt
Inszenierung, Schein, Stimmung und das Spiel mit alternativen
Realitäten, das “als ob”, während sich die kritische
Architektur auf ein didaktisches Enthüllen der Produktion und
Konstruktion beschränkt, auf einen Brecht’schen Subtext, der
den Betrachter immer wieder auf die Mechanik der Illusion verweist.
Somol
und Whiting diagnostizieren eine Folgenlosigkeit der
Kritik am Status quo und eine Selbstbehinderung der Architekten durch
ihren intellektuellen Widerstand. Stattdessen plädieren sie für
ein Engagement in der bestehenden Kultur und Gesellschaft, ein
Anders-Sehen und Entwerfen von neuen Möglichkeiten und pluralen
Lebenswelten, sie fordern eine Ausweitung des Diskurses über die
kritische Theorie hinaus, eine pragmatischere Einstellung zur Praxis,
die kreativ mit Szenarios, Wirkung und Performance umgeht und die
Mittel der Interaktion, Inszenierung und Atmosphäre erschließt.
Epilog:
Die Theorie ist tot. Es lebe die Theorie!
Trotz
einer gewissen Theorieaversion sind die Notes
around the Doppler Effect and other Moods of Modernismein
in höchstem Maße akademischer Text, reich an Verweisen,
Zitaten und Wortspielen, im eigentlichen Sinne ein Diskurs über
Diskurse. Die Autoren verstehen ihre Metakritik explizit unter den
Voraussetzungen der “Textuality” und implizit vor dem Hintergrund
eines liberal-demokratischen und pluralistischen Lebensentwurfes.
Deshalb ist der Bezug zu Dave Hickey relevant, denn er wirft Minimal
Art (wie der Moderne überhaupt) vor, ein Mittel der sozialen und
intellektuellen Distinktion zu sein, und so Klassen- und
Machtstrukturen zu befestigen; respektive, daß dekorative
Kunst, Massenmedien und Konsum demokratischer seien. Seine
Feststellung, daß ihm die “echte Fälschung” von Las
Vegas lieber ist, als die “falsche Authentizität” der
Moderne und Neo-Avantgarde, und sein Bekenntnis zu einer Architektur
der Leidenschaften, Künstlichkeit und Exzesse,19
schlägt
eine Brücke zu der zweiten Vaterfigur des “Projektive”: Rem
Koolhaas. Beide Autoren befassen sich theoretisch mit der Kultur des
Massenkonsums und haben so erfolgreich gegen den “guten Geschmack”
des akademischen Diskurses verstoßen. Beide bedienen sich nicht
linguistischer, sondern psychologischer und psychoanalytischer
Erklärungsmuster und üben Kritik an der Kritik. Vielleicht
kann man die Entwicklung mit den Stadien Archi-peinture,
Archi-lecture,
Archi-écriture,
Architherapie
beschreiben:
Am Anfang der linguistischen Wende herrscht Begeisterung für
Kommunikation, Bild und Zeichen, in einem zweiten Schritt folgt die
Verschiebung zu Syntax und Struktur, im dritten die
psychoanalytisch-surrealistische Analyse der Alltagskultur, die zur
Differenzierung der kritisch- selbstreferentiellen Autonomie der
Neo-Avantgarde von der kritisch-paranoischen Praxis bei Koolhaas
führt, die ein rationales Projekt aus der Übertreibung der
Wirklichkeit und Ausbeutung des Irrationalem generiert. Das
Retroaktive
Manifestwar
als Nachruf auf die Utopien der Moderne gemünzt, indem es eine
ungeschriebene, aber erfolgreiche weil bewiesene und umgesetzte
Utopie – nämlich die Erfindung einer metropolitanen
Lebensweise und Architektur – nachträglich zu theoretisieren
versprach. Die distanzierende Haltung zu den Möglichkeiten von
Kritik und Theorie begründet Koolhaas mit dem grundsätzlich
unkritischen Antrieb der Architektur,20
der
sich notwendigerweise affirmativ zu Macht, Markt und Politik verhält,
weswegen er die instrumentalen Aspekte von Produktivität,
Professionalität und Performancehervorhebt.
Doch auch er übt Kritik am Verlust der Öffentlichkeit von
Architektur durch den Wegfall gemeinschaftlicher Bauaufgaben und
empfindet die Privatisierung der Gesellschaft als Gefährdung der
Disziplin. So kann man die Gründung von AMO als Versuch von
Koolhaas werten, verlorenes Terrain zurückzuerobern und selbst
strategisch aktiv zu werden.
Somol
und Whiting sind mit der Verkündung vom Ende der
kritischen Architektur nicht allein, auf Seiten der Post-
Criticalityhaben
die Theoretiker Michael Speaks, Stan Allen und Sylvia Lavin Stellung
bezogen: Speaks tritt als lautstarker Förderer der
niederländischen Architektur und Vertreter eines
“post-utopischen Pragmatismus” auf, und fordert den operativen
Einsatz der IT,21
Allen
empfiehlt die Abkehr von Strategien der Avantgarde und Hinwendung zu
Produktion, Innovation, Machbarkeit und Markt,22
Lavin
schließlich betont die provisorischen, ephemeren und
atmosphärischen Aspekte einer Stimmungsarchitektur23
–
kurzum, es gibt unterschiedliche Ansätze, deren gemeinsames
Theoretisieren sich primär gegen die etablierte Kritik richtet,
wobei George Baird auf den verborgenen Generationenkonflikt
hinweist:24
Allen,
Whiting und Somol waren Protegés von Peter Eisenman, was auch
für den jungen Koolhaas Anfang der 1970er gilt. Zugleich
registriert der aufmerksame Beobachter, daß Theoretiker das
Ende der Theorie verkünden und zu einer Eroberung der Praxis
aufrufen.
Robert
Somol hat seinerseits die Promotion des Projectiveweiter
vorangetrieben:25
Er
sieht in der kommerziellen Themenarchitektur der Postmoderne (Disney
oder Malls von John Jerde) die Parallele zur kritischen Architektur,
weil beide auf ein linguistisches Modell zurückgreifen, das
semiotisch, repräsentierend oder erzählerisch sei. Zugleich
wirft er dem akademischen Diskurs der kritischen Theorie vor, das
Feld der Politik und Wirtschaft dem New
Urbanismüberlassen
zu haben, dessen Effizienz und Erfolg er bewundert und dessen
Strategien er für die projektive Praxis in anderer Gestalt und
mit alternativen Zielsetzungen übernehmen möchte. Denselben
Maßstab des Pragmatismus und der Effizienz setzt er an die
akademische Forschung an, die er als “sozioökonomisches und
deskriptives Datensammeln” oder “digitale Spielerei” bezeichnet
und als irrelevant für die Fortentwicklung der Disziplin
einschätzt. Seine Vorstellung von projektiver Forschung
entwickelt er am Entwurf und “Testen” verschiedener Szenarios
durch externe Faktoren, wie Markt, Publikum oder Kapital, eine Art
“Glückspiel-Mentalität”, die systematisch Chancen
herbeiführt. Aktivismus und Optimismus des Projectiveversteht
Somol vor dem Hintergrund der “dunkle Seite” der Moderne, die den
Glauben an Fortschritt und kritische Tradition der Aufklärung
(von Kant bis Habermas) verloren hat, und sich, im Rückgriff auf
Nietzsche oder Lyotard, mit der Alternativlosigkeit des Systems
konfrontiert sieht.
Als
Verteidiger eines kritischen Potentials der Theorie ist Reinhold
Martin angetreten, der klarstellt, daß ästhetischer
Widerstand (Eisenman) nicht mit politischem Widerstand (Tafuri)
verwechselt werden sollte.26
Er
interpretiert die Post-Criticalityvor
dem Hintergrund des 11. September und warnt vor der naiven
Selbstinstrumentalisierung der Architekten für die Rhetorik des
Neoliberalismus und einer Nation im Krieg. Sein noch vager
Gegenvorschlag eines “utopischen Realismus” möchte die
Untiefen der alltäglichen Praxis an der Vorstellung
“alternativer Welten” ausrichten. Jüngst hat Jeffrey Kipnis
die Geschichte der kritischen Avantgarde als Beweis eines
architektonisch “fruchtbaren Widerstandes” versammelt.27
Kipnis
erklärt, daß Koolhaas nicht als Antithese, sondern als
Fortentwicklung des kritischen Projektes zu verstehen sei, weil er
Infrastruktur, Programm, Medien oder technische Ausstattung als
Mittel der Entfremdung und des Widerstandes gegen Vereinnahmung
einsetze. So interpretiert Kipnis den Prada Store in New York als
eine voyeuristische Maschine, bei der Koolhaas den narzistischen
Trieb des Shopping so weit übertreibe, daß er in Negation
umschlage. In ähnlicher Weise versucht Kipnis die Rebellen der
Post-Criticalityin
die Tradition von Kritik und Widerstand einzureihen, indem er die
Suche nach Sinnlichkeit und neuen architektonischen Wirkungen als
Schritt zu neuen Affekten liest, als ein Widerstand ohne Negation,
der direkt mit den Mitteln der Ästhetik, Wahrnehmung und
Inszenierung operiere. Für ihn besteht die Möglichkeit
einer Architektur der Performance
und
Immersion, die sinnlich berührt, anders berührt, und so der
Vereinnahmung widersteht.
Zurück
im “European Frame” fragt sich, ob angesichts der
Theoriemüdigkeit
und einer Kritik, die sich auf Abbildung und Beschreibung der Objekte
zurückgezogen hat, die Post-
Criticalitynicht
die falschen Freunde findet. Ob und wie Architektur ihren Stand als
kulturelle Praxis jenseits reiner Dienstleistung erhalten kann,
bleibt offen. Koolhaas’ provokative Feststellung, daß
Einkaufen eine Kunst sei, erhält so eine neue Bedeutung, und
vielleicht besteht gerade der Reiz seiner Architektur im Unterlaufen
etablierter Ordnungssysteme von Kunst und Kommerz, Kultur und Pop.
Und vielleicht kann auch hierzulande eine Architektur der
Inszenierung, Immersion und Affekte als subversive Strategie der
kreativen Vereinnahmung verstanden werden – bis zur nächsten
Stufe der Vereinnahmung.
Anmerkungen:
1 Robert Somol and Sarah Whiting, Notes around the Doppler Effect and other Moods of Modernism, in: Perspecta 33. The Yale Architectural Journal, 2002, S. 72-77
2 Mark Wigley an der “Loopholes Conference”, 15. April 2005: “Architecture is thinking about architecture. To extinct criticality from theory is putting an end to theory. The theory of architecture is about sharing doubt with the public.”
3 K. Michael Hays, Critical Architecture: Between Culture and Form, in: Perspecta 21. The YaleArchitectural Journal, 1984, S. 15-29
4 Manfredo Tafuri, Architecture and Utopia. Design and Capitalist Development, 1976 (Im italienischen Original: Progetto e Utopia, 1973; der Begriff progetto scheint bei der Wortschöpfung des projective Pate gestanden zu haben, wobei unklar bleibt, ob Somol und Whiting die doppelte Bedeutung von Plan als architektonischem Entwurf und gesellschaftlich ökonomischem Plan der politischen Theorie bei Tafuri wieder anklingen lassen wollten.)
5 siehe auch: K. Michael Hays, Abstraction’s Appearance (Seagram Building), in: Robert Somol (ed.), Autonomy and Ideology: Positioning the Avant-Garde in America, 1997, S. 277-291; vgl: Manfredo Tafuri, Francesco Dal Co, Modern Architecture. Volume 2. Chapter 11: The Activity of the Masters After World War II, 1976, S. 309-314
6 Peter Eisenman, Aspects of Modernism: The Maison Domino and the Self-Referential Sign, in: Oppositions, Winter-Spring 1979, S. 15-16 und 118-128
7 K. Michael Hays im Gespräch mit dem Autor, April 2005
8 Rem Koolhaas, Delirious New York, 11978, 21994, “Theorem” siehe S. 83; “Downtown Athletic Club” siehe S. 154
9 Rem Koolhaas, Delirious New York, 11978, 21994, “Manifesto”, S. 9-10
10 Gilles Deleuze, Felix Guattari, Tausend Plateaus. Schizophrenie und Kapitalismus 2, 1992, S. 196 (im französischen Original, Mille plateaux, 1980; englische Übersetzung: A Thousand Plateaus, 1987): “Darum müssen Diagramme von Indizes unterschieden werden, die territoriale Zeichen sind, aber auch von Ikonen, die zur Reterritorialisierung gehören, und von Symbolen, die zur relativen oder negativen Deterritorialisierung gehören. Eine abstrakte Maschine, die durch ihre Diagrammatik definiert wird, ist keine in letzter Instanz entscheidende Infrastruktur und auch keine in höchster Instanz entscheidende transzendente Idee. Sie hat vielmehr eine Pilotfunktion. Weil eine abstrakte Maschine oder Diagrammatik nicht dazu da ist, um etwas zu repräsentieren, sei es auch etwas Reales, sondern um etwas zukünftig Reales zu konstruieren, einen neuen Typus von Realität.”
11 Auch wenn Somol und Whiting anmerken, daß Eisenman selbst eine „diagrammatische Praxis“ beansprucht, die sie jedoch als vergleichsweise untergeordnet unter sein Bemühen um Repräsentation und Autonomie betrachten, als eine Anwendung diagrammatischer Prozesse für ein indexikalisches Projekt; noch eine Nebenbemerkung zu Eisenman und Diagramm: Für das Buch: Peter Eisenman, Diagram Diaries, 1999, hat kein Geringerer als Robert Somol den einleitenden Essay verfaßt, damals noch ganz auf einer Linie mit seinem Mentor; Vgl. auch: Céline Jouin, Eisenman oder die Post-Philosophie, in: 156 archplus, 2001, S. 104-106
12 Somol und Whiting nennen als Teilbereiche der Architektur im einzelnen: “Material, Programm, Text, Atmosphäre, Form, Technologie, Ökonomie, etc.”
13 Robert Somol und Sarah Whiting nennen dieses Konzept der wechselseitigen Beziehungen “Doppler” nach dem akustischen Dopplereffekt sich relativ zueinander bewegender Sender-Empfänger-Systeme.
14 Siehe auch: Sylvia Lavin, Design by Mood, in diesem Heft.
15 Sarah Whiting konnte nicht widerstehen, ein Projekt ihrer Bürogemeinschaft WW illustrativ zu verwenden, das leider nur wenig geeignet scheint, die Neuartigkeit des Projective beispielhaft zu demonstrieren.
16 W. G. Sebald, Die Ringe des Saturn. Eine Englische Wallfahrt, 1995; eine Passage der englischen Übersetzung des Romans ist als Motto dem Text von Somol/Whiting vorangestellt.
17 Vgl.: Marshall McLuhan, Understanding Media. The Extensions of Man. II Media Hot and Cool, 1964; heiße Medien sind für McLuhan: Fotographie, Film, Buch, Radio; kalte Medien: Telefon, Cartoon, Fernsehen, Sprache.
18 Dave Hickey, Mitchum Gets out of Jail, in: Art Issues, September/October 1997, S. 10-13
19 NB: eine Folge der eklektischen Vorgehensweise von Somol und Whiting, da der Widerspruch zwischen Yve-Alain Bois und Dave Hickey offensichtlich ist, vgl.: Dave Hickey, Dialectical Utopias, in: Harvard Design Magazine, 1998, S. 8-13
20 Rem Koolhaas auf der ANY-Konferenz am CCA 1994, zitiert nach Beth Kapusta, The Canadian Architect Magazine 39, August 1994, S. 10: “The problem with the prevailing discourse of architectural criticism is the inability to recognize there is in the deepest motivations of architecture something that cannot be critical.”
21 Michael Speaks, Design Intelligence and the New Economy, in: Architectural Record, Januar 2002, S. 72-79; man beachte hier die Beschreibung geheimdienstlicher Arbeitsweise als Vorbild für die Architektur.
22 Stan Allen, Stocktaking 2004: Nine Questions About the Present and Future of Design, in: Harvard Design Magazine, Frühjahr/Sommer 2004, S. 5-51
23 Sylvia Lavin, In a Contemporary Mood. 109 Provisional Attempts to Address Six Simple Questions About What Architects Might Do Today and Where Their Profession Might Go Tomorrow, in: Hunch 6/7, 2003, S. 294-296; siehe auch Beitrag Design by Mood, in diesem Heft
24 George Baird, “Criticality” and Its Discontents, in: Harvard Design Magazine 21, 2004, S. 16-21
25 R. E. Somol, Monkeys, Coyotes and Architects, in: Hunch 9, 2005, S. 118-123
26 Reinhold Martin, Critical of What?, in: Harvard Design Magazine, 22, 2005, S. 104-109. Seine Frage des “Kritisch gegen Was?” ergänzt er geschickt durch “Projektiv in Bezug auf welches Ziel?”
27 Jeffrey Kipnis, Is Resistance Futile?, in: Log 5, Frühjahr/Sommer 2005, S. 105-109
CV Author
Ole W. Fischer, Architekt, ist seit 2002 Assistent am Lehrstuhl Architekturtheorie am GTA der ETH Zürich. Zur Zeit promoviert er mit einer Untersuchung der theoretischen, architektonischen und künstlerischen Arbeiten Henry van de Veldes im Bezug zur Philosophie Friedrich Nietzsches.