documenta 12 Magazine          
    Published 06/11/07   Changed 04/02/08   Back  
 
     
       
     
       
  documenta 12 Magazine, Kassel    
  Abstract Magazine Profile : english    
       
  Founded: 2005
Frequency: 3 times
Editor-in-chief: Georg Schöllhammer
Editors: Heike Ander, Fouad Asfour, María Berríos, Cosmin Costinaş, Cordula Daus, Maria Derntl, Hu Fang, Keiko Sei
www.documenta.de
   
  documenta 12 magazines contributions by:
Chaza Charafeddine, شذا شرف الدين, Fadi Toufic, فادي توفيق, Ovidiu Țichindeleanu, Klaus Ronneberger, عدنية شبلي, Adania Shibli, Bilal Khbeiz, Justo Pastor Mellado, بلال خبيز, Tony Chakar, Roger M. Buergel
   
       
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    / English / Life! / Rinnsteinmythen: Das Leben des Rinnsteinwolf
     
     
   
       
    Rinnsteinmythen: Das Leben des Rinnsteinwolf  
       
    Der armenischstämmige Schauspieler und Künstler Masist Gül (1947–2003 in Istanbul), der kleinere Rollen in über 300 obskuren Filmen spielte, schuf zahlreiche Collagen, Zeichnungen und auch Lyrik, die, bis auf wenige enge Freunde, kaum jemand zu Gesicht bekam. Während der 1980er Jahre konzipierte Gül unter dem Titel Kaldırım Destanı – Kaldirımlar Kurdunun Hayatı (Rinnsteinmythen: Das Leben des Rinnsteinwolfs) eine Serie von sechs eigenhändig hergestellten Büchern in Form eines regelmäßig erscheinenden Comics. Die Handlung spielt zwischen 1905 und 1973 und basiert auf seiner eigenen Lebensgeschichte. Jede Ausgabe beginnt auf der ersten Seite mit einem Gedicht, das die Abenteuer des „Rinnsteinwolfs“ schildert, die von der Hauptfigur rückblickend erzählt werden.

Die 2006 posthum veröffentlichte Edition Bent 001 macht das Original erstmals zugänglich. Bent 001 ist eine Zusammenarbeit des 2006 gegründeten Istanbuler Kunstprojekts BAS unter Banu Cennetoğlu, einer in Istanbul arbeitenden Künstlerin, und Philippine Hoegen, einer niederländischen Künstlerin, die in Istanbul und Amsterdam lebt. Diese Reihe von Künstlerbüchern aus der Türkei bietet die Gelegenheit, das Buch als alternativen Raum zu sehen, welcher KünstlerInnen in den Blickpunkt rückt, die nicht im Zentrum der Kunstszene agieren.
 
       
    Masist Gul  
               
       
Masist Gul, Kaldırım Destanı-Kaldırımlar Kurdunun Hayatı 1-6 | Der Mythos des Weges – Das Leben des Weg Wolfs 1-6 | Pavement Myth - The Life of the Pavement’ Wolf 1-6, 1985
Masist Gül, ‘Kaldırım Destanı – Kaldırımlar Kurdunun Hayatı -4’, 1985, p. 18 - 19.
Masist Gül, ‘Kaldırım Destanı – Kaldırımlar Kurdunun Hayatı -2’, 1985, p. 36 - 37.
Masist Gül, ‘Kaldırım Destanı – Kaldırımlar Kurdunun Hayatı -4’, 1985, p. 4 - 5.
 
 
Masist Gül, ‘Kaldırım Destanı – Kaldırımlar Kurdunun Hayatı -4’, 1985, p. 4 - 5.

1905–1973: 68 Jahre Rinnsteinmythen – Das Leben des Rinnsteinwolfs

Er war einer dieser Vögel, die in den Dreck gefallen waren mit gebrochenen Flügeln Er war einer der Pflastersteine, die man vom Rand des Gehsteigs bricht Er war einer der Vagabunden und Nichtsnutze, die kein Zuhause kennen Er ging ins Dunkel, verwirrt … Von Geburt an sehnte er sich nach der Zärtlichkeit einer Mutter und den Moneten eines Vaters
Angesichts der Zivilisation war er schlicht ein Skandal Die ersten Dinge, die er sah im Leben, waren tausendfache Grausamkeit und Qualen Er ging ins Dunkel, verwirrt … Nicht einmal ein Stein könnte die Qual ertragen, die er erlitt Mit der Geburt war das Unheil des Schicksals auf ihn gefallen Sein Leben und jedes Abenteuer, das er durchstand, sind ein Stich ins Herz Er ging ins Dunkel, verwirrt … Er litt. Er war der einzige ganz Fassungslose, er konnte keinem in die Augen schauen Auf diesen dunklen Straßen war er ein Hilfloser, und seine Lampe war erloschen
Er war gefangen in der Unrast, und diese seine Zelle ohne Fenster Er ging ins Dunkel, verwirrt … Er konnte niemals lachen; er konnte niemals in Gelächter ausbrechen, wie ein Tier Er war sehr reich, und dennoch sah er nicht den kleinsten Schimmer Er, er war ein Nichtsnutz, er war grausam; aber sein Herz – so rein! Er ging ins Dunkel, verwirrt … Er war der geborene Dichter … Er war der größte Dichter auf Erden Er war skrupellos den Schlechten gegenüber, war unschlagbar, böse und gemein SEIN GRÖSSTER FEIND WAR ER, ER SELBST … Er schnitt sich in jede Stelle seines Körpers Er ging ins Dunkel, verwirrt … Er war von Geburt an verflucht. Nicht einmal mit eigenem Geld konnte er sich amüsieren Er war ein Mensch ohne Ehre, keine Frau konnte ihn jemals lieben Er hatte kein Recht auf das Glück, und auch sein Schicksal konnte er nicht ändern Er ging ins Dunkel, verwirrt … Er war erstaunlich schnell und mächtig wie ein Superheld Bei seiner Geburt schmeckte er Hundemilch und nicht die Milch der Mutter Er wurde groß in Grausamkeit und Qual, er fing zu krabbeln an sofort nach der Geburt Er ging ins Dunkel, verwirrt … Alle Hausbesetzer standen unter seinem Schutz Auch wenn er selber kriechen sollte: Er wollte ihnen überleben helfen Doch war er sich sein größter Feind, ER SELBST, er war der eine voller Hass Er ging ins Dunkel, verwirrt … Er war als flügelloser Vogel in diese seltsame Welt geboren Er konnte nicht auf und davon, er blieb schutzlos auf offener Straße UND SCHLIESSLICH WAR ER KÖNIG mit dem Namen RINNSTEINWOLF Und schließlich tönte sein Ruhm den Leuten in den Ohren … und reichte bis in den Himmel.

Von Masist, dem Pflasterstein.


 
               
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