journal BOL          
    Published 06/11/07   Changed 06/11/07   Back  
 
     
       
     
       
  journal BOL, Seoul    
  journal BOL (Seoul) is a quarterly journal of world politics, cultural critique, visual culture, and art practice. Founded in the winter of 2005, the journal seeks to identify and examine the contexts of contemporary art from a broad perspective, responding to the temporal (historical) and the spatial (cultural/geographical). For each new issue, journal BOL introduces a main theme and sub-themes or topics that open up the black boxes of our society, art, and culture.    
       
  Founded: 2005
Frequency: vierteljährlich, quarterly
Editors: Kim Sungwon, Kil Ye-kyung, Beck Jee-sook, Park Chan-kyong, Ahn Kyunghwa, Jeong Seoungcheol, Hwang Sejun
www.insaartspace.or.kr/en/Journal/Journal.htm
   
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    / English / Life! / Erzähl mal, Young-il!
     
     
   
       
    Erzähl mal, Young-il!  
       
    Mit dieser Geschichte antwortet Ko Young-il lakonisch auf die Bitte einer Zeitschrift, über die studentische Protestbewegung in Korea in den 1990er Jahren zu berichten. Aus der Befragung damaliger Freunde über ihre heutige Sicht der Dinge entsteht eine kritisch-spielerische Demontage der Stereotypen des politischen Aktivismus.  
       
    Young-il Ko  
               
       
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1 
Erzähl mal, Young-il!
Neulich erhielt ich einen Anruf von einer Zeitschriftenredaktion.

„Ihr wollt was von mir herausbringen?“

Sie hatten einen meiner Comics, On the Edge of the Blue, gelesen, und nun sollte ich als Auftragsarbeit etwas über meine Zeit als studentischer Aktivist schreiben.

Ich hatte da meine Zweifel: War ich das denn überhaupt gewesen, ein „Aktivist“?

Klar, als ich mich im Jahre 1993 an der Uni einschrieb, gingen gerade große gesellschaftliche Umwälzungen vor sich.

Vor allem innerhalb der studentischen Protestbewegung selbst geriet einiges in Bewegung.

Unabhängig davon, ob sie sich tatsächlich aktiv in der Bewegung engagierten oder nicht, war das leidenschaftliche Eintreten der älteren KommilitonInnen für mehr Demokratie für mich damals so etwas wie eine exemplarische Antwort auf alle nur erdenklichen Fragen des Lebens.


2
Es war ein gutes Gefühl, diese „älteren Brüder“ zu haben, die immer wussten, wo’s langging.

Was mich betraf, sollte ich das „Aktivisten“-Label, das mir wegen des On the Edge of the Blue-Comics angeheftet worden war, so schnell nicht wieder loswerden.

Und auch wenn es nicht der Minderwertigkeitskomplex des „kleinen Bruders“ war,

so musste ich auf die Tatsache, in die „AktivistInnen“-Schublade gesteckt worden zu sein, doch auf irgendeine Weise reagieren.

So wie der Navigator eines Schiffes die eigene Lage laufend neu berechnet, um notfalls den Kurs zu korrigieren.

Es sah ganz so aus, als wäre ich vor dieselbe Aufgabe gestellt, Antwort zu geben auf die Frage, woher ich eigentlich komme.

Ich begann, Briefe zu schreiben

adressiert an jene, die einst mit mir im selben Boot gesessen hatten. Briefe, in denen ich Fragen stellte nach den Koordinaten ihrer und meiner damaligen Position.


3
Peung
1

„Hallo, ich bins!“
„Sekunde, Young-il, ich ruf Dich gleich zurück!“

Wie nicht anders zu erwarten, war der Herr Verkaufsleiter ein vielbeschäftigter Mann.

Peung war mir vier Semester voraus und hatte ziemlich großen Einfluss auf mich und mein Engagement im Studierendenverband.

Als Erstsemester hatte ich mir ein Zimmer in Campusnähe gemietet, floh aber immer öfter vor ungebetenem nächtlichem Besuch zu Peung.
[Klick! Licht an.] „Hey, lass uns einen draufmachen!“

[Kotz!] Einzig in seinem Zimmer war ich vor besoffen um die Häuser ziehenden KommilitonInnen sicher, und auch wenn es bei Weitem kleiner war als mein eigenes, so war es doch sehr gemütlich.

Zuerst brachte ich nur Kopfkissen und Decke mit,
„Was soll ’n das werden, ein Einzug auf Raten?“

aber es dauerte nicht lange, und auch meine Klamotten und Bücher begannen sich zu stapeln, und irgendwann war ich unbemerkt zu seinem Mitbewohner geworden.

„Hey, wag es ja nicht! Die Unterhosen hab ich erst letzte Woche von meiner Mutter bekommen.“
„Knauser!“


4
Ich hatte geglaubt, der Vorsitzende des Studierendenverbandes einer Fachschaft wäre nicht viel mehr als der Klassensprecher an der Schule, bis ich draufkam, dass Peung diese Funktion innehatte. Zu jener Zeit waren die StudierendenvertreterInnen freilich immer automatisch auch in der studentischen Demokratiebewegung engagiert.
„Du bist Vorsitzender des Fachschaftsrates?“
„Klar.“
„Die nehmen heutzutage auch jeden …“
„Quatsch nicht, trink!“

Dann, eines schönen Tages:
„Young-il, wie siehts aus? Hast Du Lust, mal an der Hauptversammlung des koreanischen Studierendenverbandes2 teilzunehmen?“
„Woran teilzunehmen?“

Ich schätze, die Teilnahme an dieser Versammlung war der entscheidende erste Schritt, durch den es mit meinem Engagement ernst wurde.

Peung war für mich wie ein älterer Bruder: Berater, Kamerad und Freund in einem.
„Hey, Du hast ja meinen Leopardenslip an!?!“
„Oh!“

Mittlerweile hat er sich zum stellvertretenden Direktor der Verkaufsabteilung einer Firma für medizinisches Equipment hochgearbeitet, bereist das ganze Land, ja die ganze Welt, und ist überhaupt furchtbar wichtig und beschäftigt.

Angeblich liebt er diesen Job, für den man, wie er selbst sagt, keinen Geeigneteren hätte finden können.
„Hersteller zuerst!“

Gut möglich, dass er auch in diesem Augenblick gerade mit seinen Kunden um den Wirtshaustisch sitzt, sich mit Trinkspielen in Laune bringt und „Hersteller zuerst!“ brüllt. Wie sähe wohl seine Version unserer Geschichte aus?



5
Daevil
3

„Hey, lange nichts von Dir gehört!“
„Ja, ’ne ganze Weile nicht. Wie läufts denn so mit den Vorbereitungen des diesjährigen Summer-Sonic-Festivals in Japan?“

„Flug und Hotelzimmer hab ich schon gebucht.“
„Beneidenswert. Mach bloß viele Fotos, ja?!“

Mit drei Jahren mehr auf dem Buckel als ich war er so was wie mein Mentor.

„Was ich Dich fragen wollte: Was würdest Du eigentlich sagen, wenn dich heute jemand nach Deiner Vergangenheit als Aktivist fragt?“

„Hahaha, ich würd sagen: ‚Klar! Ich war dabei!‘ Wieso?“

„Bei mir kam neulich so eine Anfrage rein: Ein Magazin will, dass ich einen Comic über die Demos mache. Aber eigentlich hab ich dazu gar nichts zu sagen …“
„Als ob Du nicht dabei gewesen wärst! Sie haben Dich ja sogar eingelocht deswegen.“

„Schau her, damals lief das doch so, dass wir nach der Pfeife der Studentenfraktion zu tanzen hatten. Heute gibt es keine Partei mehr, ich bin jetzt meine eigene Partei: Ich sehe die Dinge, wie ich sie eben sehe, und danach handle ich auch.
So gesehen bin ich heute mehr Aktivist, als ich damals einer war.“



6
Ich war damals ein Heavy-Metal-Fan und ganz verrückt nach Rockmusik.

Als ich aber begann, mich mit der Rolle der USA in der Welt auseinanderzusetzen, hatte ich eine Zeit lang ernsthafte Skrupel, Musik aus dem Land der „US-Imperialisten“, wie das damals in der Diktion der Bewegung hieß, zu hören.

Eine Weile lang stand ich ausschließlich auf die sogenannten Minjung-Gayo, die Songs unserer Bewegung.

Dann lernte ich einen älteren Kommilitonen kennen, dessen Einstellung mich zuerst ziemlich verwirrte. Als er 1995 nach Ableistung des Militärdienstes zurück an die Uni kam, um sein Studium fortzusetzen, hatte er Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie und das Manifest der Kommunistischen Partei unter den Arm geklemmt, trug ein Metallica-T-Shirt mit Totenschädel, und in seinem Walkman lief „Heartwork“ von Carcass.
 
Rückblickend betrachtet mag es doof klingen, aber damals war der Slogan „Rock ’n’ Roll ist Widerstand!“ für mich eine echte Befreiung.

„Wenn man Tiere mag, gibt es Dinge, die absolut tabu sind: Zoobesuche, Zirkus oder die Tiersendungen, die am Sonntagvormittag im Fernsehen laufen. Und genau die produziere ich jetzt, um mich über Wasser zu halten.“

Immer für eine sarkastische Bemerkung gut, schreibt er heute die Drehbücher für Fernsehdokus und andere Sendungen. Dabei ist er ganz der Alte geblieben, hat immer noch stets eine Mao-Biografie oder ein Noam-Chomsky-Buch dabei, trägt Korn-T-Shirts mit Jonathan Davis’ Konterfei drauf und hört Tapes von Shadows Fall.

7
Ppaek4

„Düüüü. Düüüü. Düüüü!“

„Ich bin im Augenblick leider nicht erreichbar, hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Signalton!“

Er scheint dieser Tage reichlich beschäftigt zu sein. Überhaupt ist er nur schwer zu erreichen, seit er mit einem befreundeten Kompagnon eine eigene Firma gegründet hat.

Ppaek und ich sind die allerbesten Kumpels, und das seit Beginn des Studiums.

„Bei der gestrigen Demo soll sich einer der Typen in die Hosen geschissen haben, der hatte zu viel Tränengas abgekriegt. Young-il, wir müssen zusehen, dass wir zusammenbleiben! Sobald die erste Tränengasbombe platzt, nehmen wir uns an der Hand und rennen, klar?“

So rannten wir im Seoul des Jahres 1993 auf den Straßen des Geschäftsviertels Jongno mitten durch dichte Schwaden von ätzendem Tränengas.

„Was wird eigentlich aus unserem Ausflug ins Jiri-Gebirge?“
„Sorry, Young-il, ich werd an dem Tag an einem Marsch für die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea teilnehmen …“

* Spitzname. Verballhornung des koreanischen Familiennamens Paik.

8
„Tut mir leid.“

Später, in unserem dritten Studienjahr, wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des Studierendenverbandes unserer Fachschaft gewählt.
„Ich kandidiere für die Wahl zum Vorsitzenden der siebten Studierendenversammlung.“

1997, als ich gerade meinen Militärdienst ableistete, wurde im Zuge der angeblichen Aufdeckung von pronordkoreanischer Agitation an den Unis auch ich verhört, naturgemäß zu denselben Vorfällen wie Ppaek, der ja immer zur selben Zeit am selben Ort gewesen war wie ich – und umgekehrt.

Mittlerweile hat er geheiratet, ist Vater geworden

und soll Schwierigkeiten mit dem Abzahlen eines Kredits haben, den er für den Kauf einer Eigentumswohnung aufnehmen musste.
„Was will ich wirklich?“

Das ist die Frage, die ihm immer noch schlaflose Nächte bereitet. Was würde er wohl auf meine Frage nach seiner Vergangenheit als Aktivist antworten?

Würde er mit der Antwort zögern, wie auch ich zögere?

9
Gwang-tae
5

„Ach, du bist es, Young-il!“
„Was treibst du denn gerade?“

„Ich seh nach dem Baby.“
„Nette Beschäftigung.“

„Hör mal, Gwang-tae, lass mich Dir eine Frage stellen: Mal angenommen, es würde dich wer fragen, ob Du Aktivist warst. Was würdest Du antworten?“
„Hmm, na ja … Also so direkt hat mich das noch niemand gefragt. Wahrscheinlich, weil jeder denkt, dass es mir damit ohnehin nicht so richtig ernst war …

Aber wenn jemand fragen würde, würd ich wohl eher verneinen. Warum willst Du das wissen?“

„Das Übliche, Recherche für einen neuen Comic.“

„Na ja, aus Sicht der anderen war ich schon involviert. Andererseits – tief drin ist es mir dann doch irgendwie peinlich, auch weil es letztlich gar nichts gebracht hat. Von daher bereue ich es auch irgendwie. Kompliziert wird es, wenn man anfängt, sich zu fragen, ob es insgesamt richtig war oder nicht.“

„Und jetzt, wie ist es jetzt?“
„Jetzt? Haha! Das ganze Leben ist doch purer Aktivismus, nicht wahr?“

Gwang-tae war neben Ppaek im ersten Studienjahr mein bester Kumpel gewesen.
„Warum hast du eigentlich damit angefangen, auf die Versammlungen zu gehen?“

* Wörtlich „Irrer“. Verballhornung des koreanischen Vornamens „Tae-gwang“ durch Vertauschen der beiden Silben.


10
„Weil du mich damals auf die Eröffnungsfeier der Studierendenversammlung mitgeschleppt hast!“, sagt er und schiebt damit mir den schwarzen Peter zu.

Seine Einstellung war der meinen nicht unähnlich. Auch er hielt sich an das, was die älteren Kommilitonen sagten, und versuchte, ein möglichst aktives Leben zu leben.
„Gwang-tae, das Bier ist aus!“
„Warum immer ich??“
„Wär nur fair, wenn du mal selber Nachschub holst.“

Das Resultat seines übereifrigen politischen Engagements war, dass sein Studium deutlich zu kurz kam, was sich alsbald in einem katastrophal schlechten Notendurchschnitt niederschlug: Ende des vierten Semesters beschloss er, erst mal seinen Militärdienst einzuschieben.
„Vielleicht können die dort mehr mit dir anfangen …“

Erst nachdem Ppaek und ich unseren Militärdienst angetreten hatten, kehrte er an die Uni zurück, um sein Studium fortzusetzen. Auf dem Campus fand er sich nun, da alle Kommilitonen seines Jahrgangs längst abgegangen waren (von den älteren Jahrgängen ganz zu schweigen), in der Rolle des Ältesten wieder.

Das wiederum machte ihn zum Sündenbock für alles und jeden, sodass er im Rahmen der Untersuchung von angeblichen Fällen pronordkoreanischer Agitation an den Unis, die im Jahre 1997 vom Staatssicherheitsdienst „aufgedeckt“ wurden (ich kehrte damals gerade vom Militärdienst zurück), derjenige war, auf den der Verdacht zuallererst fiel.
„Warum sagst du nichts zu deiner Verteidigung?!“
„Tut mir leid, Mann!“

Manchmal, wenn er getrunken hatte, rief er an und lallte weinerliches Zeug:
„… hab euch alle schwer enttäuscht, nicht wahr?“

Nun, mit seiner Tochter im Arm, kommt das eigentlich ziemlich cool rüber: „Das ganze Leben ist doch purer Aktivismus!“


11
Neoguri6

„Was würdest Du antworten?“
„Dass ich nichts gemacht hab, ganz einfach.“

„Das ist alles?“
„Klar!“
„Und jetzt?“

„Jetzt tu ich was und steh auch dazu, klar! Natürlich nur in den Bereichen, die mich interessieren: also Teilzeitarbeit, MigrantInnen, Frauen, Behinderte und so weiter.“

Neoguri war damals an der Uni zwei Semester unter mir. Als ich sie zum ersten Mal sah, trennten sie eine Million Lichtjahre von jeder Art von studentischem Aktivismus.
 
Ich erinnere mich, dass sie auf den Popstar Ku Bon Seung stand und einmal, auf einer Ausstellung, von einem älteren Kommilitonen richtig zur Sau gemacht wurde, weil sie es gewagt hatte, eine von Kus Schnulzen zu intonieren.
„Einer wie dir möchte man echt den Schädel spalten, um zu sehen, was drin ist.“

Sie selbst sagt, dass sie schlicht aus Neugierde mit den älteren Jahrgängen abhing: weil sie von ihnen lernen wollte, sich darüber informieren, was sie lasen und worüber sie sich unterhielten.
„Verstehst du, was gemeint ist?“

„Oh Gott, mein Schuh!“
Bei den Demos, auf denen sie eifrig mitlief, wirkte sie schon allein ihres unpassenden Schuhwerks wegen wie eine Außerirdische.

Als ich gerade auf Bewährung vorzeitig aus der Haft entlassen wurde:
„Warte, da ist noch ein Brief für dich!“

* In Korea ein häufiger Spitzname, wörtlich: „Dachs“.


12
„Ist schon vor ’ner Weile reingekommen. Neoguri? Wer ist das denn?“

[Tok] Ich hätte mir nie träumen lassen, im Knast Post zu bekommen.

Wie um alles in der Welt hatte sie rausgekriegt, wo ich einsaß? Manchmal rang einem ihre naive, aufrechte Art doch Bewunderung ab.

Nach der Uni brachte sich Neoguri selbst das Filmen mit der Videokamera bei. Heute dokumentiert sie mit dieser „Waffe“ alles, was sie für dokumentierenswert hält.

Viele, die sie nur vom Sehen kannten, können es einfach nicht fassen, wenn die Rede auf ihr neues Betätigungsfeld kommt.
„Die und Dokumentarfilmerin!?! Das geht doch nie und nimmer zusammen …“

Eines Tages fragte ich sie nach den Beweggründen für ihr gesellschaftspolitisches Engagement.
„Wie kamst du eigentlich auf die Idee, dich nach dem Abschluss im sozialen Bereich zu engagieren?“

„Der Entschluss fiel, als sie euch damals im Zuge der Aktivismus-Untersuchungen ins Gefängnis steckten.“
„Wieso das denn?“
„Ich hatte einfach das Gefühl, euch Jungs was schuldig zu sein.“

Sie ist ganz die Alte geblieben: bei aller Blauäugigkeit stets kompromisslos und klar in ihrer Haltung. Und damit weckt sie auch in mir erneut den Wunsch, ein besserer Mensch zu werden.


13
Ich

Groß geworden war Young-il in Mapo, unweit der großen Universitäten im Nordwesten Seouls – und somit gewissermaßen im Zentrum des gesellschaftspolitischen Chaos der 1980er Jahre.

Um seiner Stimme in dieser verrückten Welt Gehör zu verschaffen, engagierte er sich in der Studierendenschaft.

Dem Jungen, der ein ausgesprochener Lesemuffel war, wurde von einem älteren Kommilitonen erklärt:
„Die Teilnahme an einer einzigen Demo ist mehr wert als die Lektüre von 100 laufenden Metern sozialwissenschaftlicher Fachliteratur.“

… was er sich sehr zu Herzen nahm: Er war bei jeder noch so kleinen Versammlung dabei, nahm an unzähligen Demos teil und hielt das Gebot der Folgsamkeit gegenüber den älteren Jahrgängen für eine conditio sine qua non des AktivistInnenlebens.

Es ist derselbe Young-il, der jetzt behauptet, die Frage nach seiner Vergangenheit als Aktivist nicht eindeutig beantworten zu können.
„Was machst du da?“
„Ich such ein Loch, in das ich mich verkriechen kann.“

Es ist bereits ganze zehn Jahre her.
„Unteroffizier Ko, der Sicherheitsdienst möchte ein paar Fragen an Sie richten.“

Zu jener Zeit, knapp vor den Wahlen des Jahres 1997, hatte er den Großteil seines Militärdienstes bereits abgeleistet, ihm fehlten gerade mal fünf Monate.
„Wir hätten da ein paar Fragen Ihre Studienzeit betreffend.“



14
Er wurde im Zusammenhang mit landesweiten Razzien an den Unis, die vom Geheimdienst unter dem Vorwand der Bekämpfung des pronordkoreanischen Jajudaeo-Verbandes inszeniert worden waren, verhört, verurteilt und saß die verbleibenden fünf Monate seines Dienstes in einem Militärgefängnis ab.

Damit hatte er seine letzte Chance verspielt, sich mit den glorreichen Worten „Ich war niemals Aktivist!“ aus der Affäre ziehen zu können.
„Abgefahren …“

Angesichts einer solchen Vergangenheit war es schlicht unmöglich, das eigene Engagement zu leugnen.
„Was machst du da?“
„Ich such ein Loch zum Verkriechen, sagte ich doch schon.“

Heute zeichnet er Comics, wovon er schon als Kind geträumt hat.
„… es wäre wirklich fantastisch, wenn Sie uns darüber etwas erzählen könnten …“

Also klemmt er sich hinters Telefon und löchert seine allesamt furchtbar beschäftigten Freunde mit nervigen Fragen.
„Was würdest du sagen?“
„Echt ätzend!“
„Stöhn!“
„Woher soll ich das wissen?!?“
„Oh Mann!“

Dennoch geben ihm seine Freunde bereitwillig Auskunft und laden ihn, den sie für einen Künstler halten, sogar noch auf Getränke ein, in der Hoffnung, er möge in einer fernen Zukunft zu Ruhm und Ehre gelangen.
„Vergiss uns nicht, wenn du irgendwann mal groß rauskommst!“
„Hä?“

15
„Der Grund, weshalb ich die Frage nach meinem angeblichen politischen Aktivismus nicht eindeutig beantworten kann,“

„ist, dass es einfach nicht wahr ist, dass ich mein Leben je für irgendwelche Ismen gelebt hab,“

„und dass mein Leben wie jedes andere aus Atmen und Essen und Kacken besteht und nie was anderes war als schlicht und ergreifend mein Leben.“

„Und also frag ich mich, wie viel da noch übrig bliebe von diesem Leben,“

„wenn ich herginge und ihm irgendeinen Stempel aufzudrücken versuchte.“

Ende

 
               
            Appendix  
            Ko Young-il studierte koreanische Literatur an der Yonsei Universität in Wonju. Vor Kurzem erschien seine Comic-Serie On the Edge of the Blue in dem koreanischen Magazin Sai Comics.  
            1  
           

Koreanischer Spitzname.

 
            2  
           

Han-chong-ryon (HCY) die „South Korean Federation of University Student Councils“.

 
            3  
           

Spitzname. Verballhornung des koreanischen Vornamens Dae-pil.

 
            4  
           

Spitzname. Verballhornung des koreanischen Familiennamens Paik.

 
            5  
           

Wörtlich „Irrer“. Verballhornung des koreanischen Vornamens „Tae-gwang“ durch Vertauschen der beiden Silben.

 
            6  
           

In Korea ein häufiger Spitzname, wörtlich: „Dachs“.

 
 
   
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